Der gläserne Bewerber im Netz

Die Schuhe sind frisch geputzt, das Lächeln gewinnend und der Händedruck fest - früher einmal sollte das für einen guten ersten Eindruck im Bewerbungsgespräch genügen. Doch heute ist das Händeschütteln häufig nicht der erste, sondern der zweite, dritte oder vierte Eindruck - je nachdem, durch wie viele Seiten sich der Personalchef vorher im Internet geklickt hat. Laut einer Umfrage des Dimap-Instituts nutzen 28 Prozent der Unternehmen das Internet zur Vorauswahl für Personalentscheidungen. Für eine Bewerbergeneration, die ihr Leben online dokumentiert, kann das zum Problem werden: In sozialen Netzwerken zeigen die Nutzer Bade- und Partyfotos vom Mallorcaurlaub, in Blogs verraten sie ihre politische Gesinnung, und in Foren legen Frischverlassene einen Seelenstriptease hin. Ein Viertel der Unternehmen, die das Internet zur Personalauswahl nutzen, gab in der Dimap-Umfrage an, dass schon Bewerber deshalb abgelehnt wurden.
 
Wer hoch hinaus will, muss also nicht nur auf seinen herkömmlichen, sondern auch auf den Onlineruf achten. Sogenannte Onlinereputationsmanagementdienste haben aus dem Hang zur Selbstdarstellung und der späteren Reue ein Geschäft gemacht. Dabei kann man entweder eine Verdrängungsstrategie verfolgen und die lästigen Suchmaschinenergebnisse mit selbst gesteuerten Einträgen und Profilen so weit nach hinten drängen, dass sie keiner mehr liest. Oder man versucht, sie durch eine Löschung ganz aus dem Netz zu verbannen.
 
Nicht alles kann ausradiert werden
 
So macht es die amerikanische Firma Reputation Defender. In Deutschland hat sie sich ein zweites Standbein geschaffen. "Unser Konzept passt hervorragend zur deutschen Mentalität", sagt die Deutschlandchefin Stefanie Peters. "Die Deutschen wollen sich überall gut absichern und seriös rüberkommen." Mit einem eigens entwickelten Verfahren durchsucht Reputation Defender das Netz nach Informationen über den Kunden. Taucht dabei Unangenehmes auf, kommt der "Destroy-Assistent" zum Einsatz: Die Mitarbeiter wenden sich an die Seitenbetreiber und fordern sie auf, den Eintrag zu entfernen. Oft geht es um gezielte Diffamierung. Da wäre der eifersüchtige Exfreund, der Nacktfotos ins Internet stellt. Oder die Nachbarn, die behaupten, im Haus nebenan werde mit Drogen gehandelt. Schüler fühlen sich ungerecht behandelt, drehen auf spickmich.de den Spieß um und benoten ihre Lehrer. Stefanie Peters sagt dazu nur: "Es ist nun mal die traurige Natur des Menschen, über andere herzuziehen."
 
Aber nicht alles kann einfach ausradiert werden: Eine rechtliche Handhabe gibt es nur selten und Reputation Defender zieht auch nicht vor Gericht für seine Kunden. In der Regel sind die Mitarbeiter auf die Kulanz der Internetseitenbetreiber angewiesen. Zudem stellt sich die Frage, wie nachhaltig die Löschung ist: "Bei gezielten Racheakten ist die Gefahr groß, dass der Eintrag später wieder eingestellt wird", sagt Peters. Bei Reputation Defender ist man deshalb der Ansicht, dass der Ruf nur im Abonnement zu retten ist. Das gibt es für rund 15 Euro im Monat, jeder Lösch-Auftrag kostet zusätzlich 30 Euro. Man kann die Sache aber auch selbst in die Hand nehmen: Wer seinen Namen regelmäßig durch die Suchmaschine jagt (auch Ego-googeln genannt), behält den Überblick, was das Internet über ihn verrät. Die Eingabe der E-Mail-Adresse kann weitere Ergebnisse zutage fördern. Ist ein allzu peinlicher Eintrag dabei, besteht die Möglichkeit, sich selbst an den Seitenbetreiber zu wenden. Der findet sich meist im Impressum.
 
Bloggern sollte man nicht blöd kommen
 
Kommunikationsforscher Klaus Eck hat ein Buch über die "Karrierefalle Internet" geschrieben. Ein Foto mit Bier- oder Weinglas in der Hand würde ihm nicht den Schlaf rauben. Außerdem kann der Versuch, den Eintrag loszuwerden, nach hinten losgehen: "Wenn ich einem Blogger blöd komme, reitet er vielleicht erst recht auf der Angelegenheit herum." Eck rät deshalb, lieber positive eigene Inhalte zu produzieren, als Negatives aufwendig entfernen zu lassen. "Die ersten zehn Treffer sollten positiv sein, die nächsten zehn nicht zu negativ - dann ist der Rest nicht so wichtig." Die Selbstvermarktung im Internet gehört für ihn zur modernen Bewerbung: "Wichtig ist der Internetauftritt überall, in manchen Branchen natürlich ganz besonders. Im Marketing würde ich niemanden einstellen, der im Internet nicht zu finden ist."
 
Wer seinen Internetauftritt aufhübschen will, kann sich zwischen zwei Konzepten entscheiden: Einige Dienste nehmen ihren Kunden das Managen des Onlinerufs weitgehend ab. Zu dieser Kategorie gehören zum Beispiel Reputation Defender, Dein guter Ruf und International Reputation Management. Sie "optimieren" Suchmaschinen, erstellen zusätzliche Profile, beraten in Sachen Onlineruf - und kosten Geld. Die zweite Gruppe stellt ihren Nutzern nur das nötige Werkzeug zur Verfügung: Mit Claim ID, Naymz oder My Online Identity (Myon-ID) können die Nutzer ihre Netz-Aktivitäten in einem Profil bündeln und verwalten. Die Basisfunktionen sind in der Regel kostenlos. "Professionalität kostet Geld, Selbermachen Zeit", fasst Eck zusammen.
 
In Amerika ist Selbstdarstellung selbstverständlich
 
Mario Grobholz hat Myon-ID Anfang 2007 gegründet. Rund 45.000 Profile zählt das Portal für den Aufbau einer persönlichen Marke derzeit. Es finanziert sich über Werbung und Premium-Mitgliedschaften. Wer im Internet aktiv ist, kann hier die Fäden zusammenlaufen lassen. Zum Beispiel, indem er seine Profile von Netzwerken wie Xing oder Twitter einbezieht, Referate hochlädt und auf Weblinks verweist. Dafür, dass die persönliche Seite ganz oben in den Google-Treffern auftaucht, soll die Suchmaschinenoptimierung sorgen. Die Reihenfolge, in die Google die Suchergebnisse bringt, folgt einem geheimen Algorithmus. Mehr als 200 Kriterien fließen ein, beispielsweise die Verlinkungen zu prominenten Seiten oder die Dichte an Schlüsselwörtern. Dienste wie Myon-ID rühmen sich, Verfahren entwickelt zu haben, die eine hohe Plazierung sichern. Klicke doch jemand die weiter hinten angesiedelten, weniger vorteilhaften Treffer an, sei das kein Beinbruch, findet Grobholz: "Als Bewerber sollte man vor allem wissen, dass es sie gibt, und das im Bewerbungsgespräch erklären können."
"In Deutschland wird Selbstdarstellung als narzisstisch abgestempelt, in den Vereinigten Staaten ist sie längst selbstverständlich", sagt Buchautor Klaus Eck. Der Bewerber von heute sollte seiner Meinung nach mehrere Onlineprofile anlegen und pflegen, in sozialen Netzwerken aktiv sein, Foren- und Blogeinträge verfassen und alle Aktivitäten zusammenführen. Mit einer eigenen Internetadresse hat man gute Chancen auf den ersten Treffer bei Google. Wer einen gängigen Namen trägt, kann im Internet jedoch leicht untergehen. Den Müllers und Maiers empfiehlt Eck deshalb, beispielsweise den Wohnort in die Internetadresse einzufügen. Und diese dann auch in der Bewerbung anzugeben. "Sonst kann der Arbeitgeber im Netz nichts zur Person finden und ist enttäuscht."

Text: F.A.Z. 6 Januar 2010
 
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